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Ist das Auffangen und Lagern von CO2 totale Zeitverschwendung?

Das Auffangen und Lagern von CO2 (CCS) gilt als eine Möglichkeit, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts unter 2°C zu halten.

Das Auffangen und Lagern von CO2 (CCS) gilt als eine Möglichkeit, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts unter 2°C zu halten.

Zurzeit wird das Verfahren vor allem in der Ölförderung genutzt. Aber es ist fraglich, ob es der Umwelt wirklich nutzt. In anderen CO2-intensiven Branchen, wie Stahl, Zement und Gas, gilt es als perfekte Lösung. Diese Branchen haben bis heute noch keinen anderen gangbaren Weg gefunden, CO2-Emissionen vollständig zu vermeiden.

Auch wenn es bei der Umsetzung des Verfahrens in den letzten Jahren viele Rückschläge und enorme Misserfolge gab, ist es in letzter Zeit wieder auf mehr Interesse gestoßen. Deshalb stellen wir uns die Frage, welche Rolle es tatsächlich beim Kampf gegen den Klimawandel spielen kann.

Lassen sich die Klimaziele wirklich nicht ohne CCS erreichen, wie einige zu glauben scheinen? Oder ist es am Ende nur der letzte verzweifelte Versuch des „alten“ Energiesektors, der den Klimavorgaben zum Opfer zu fallen droht?

Nach Angaben des IPCC[1] muss es uns bis Mitte des Jahrhunderts gelingen, mehr CO2 zu lagern als wir produzieren. Sonst können wir das Klimaziel nicht erreichen. Deshalb müssen wir Wege finden, CO2 zu lagern – entweder in natürlichen Auffangbecken wie Wäldern oder mit technischen Lösungen wie CCS.

Fossile Brennstoffe haben einen großen Anteil am Energiemix, und ihre Nutzung ist für den mit Abstand größten Teil der von Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich.  Diese beiden Erkenntnisse lassen CCS sehr interessant erscheinen. Mit diesem Verfahren könnten wir weiterhin fossile Brennstoffe nutzen und gleichzeitigihre Emissionen neutralisieren, indem wir sie tief in der Erde lagern.

Die International Energy Agency (IEA)[2] hält das CCS-Verfahren deshalb für eine wichtige Komponente in ihrem 2°C-Szenario. Sie geht davon aus, dass das Verfahren mit 12% zu der bis 2015 notwendigen CO2-Verringerung beitragen wird. Auch deshalb setzen Länder mit sehr CO2-lastigem Energiemix – wie China, Indien und Japan – bei der Planung ihres Beitrags gegen den Klimawandel auch auf CCS.

Das Auffangen und Lagern von CO2: eine praktikable Lösung?

Allerdings wirft die stärkere Verbreitung von CCS Fragen nach den Klima- und Umweltfolgen, der Wirtschaftlichkeit sowieder Umsetzbarkeit auf. Ist dieses Verfahren wirklich sinnvoll?

Bislang wird CCS vor allem in der Ölindustrie eingesetzt. Ziel ist, die direkten Emissionen von Raffinerien bzw. der Gas- und Wasserstoffproduktion zu senken. Das aufgefangene CO2 wird in Ölfelder zurückgeleitet, um die Produktion mithilfe tertiärer Ölgewinnungsverfahren zu erhöhen.  73% aller CCS-Projekte entfallen auf diesen Bereich.[3] Sie sorgen also für eine verstärkte Förderung fossiler Brennstoffe, sodass der durch ihren Verbrauch entstehende CO2-Ausstoß steigt.  Die durch die zusätzliche Förderung verursachten CO2-Emissionen könnten deutlich höher sein als das aufgefangene CO2.  Zurzeit leistet CCS alles in allem dem Klimawandel Vorschub.

Hinzu kommt, dass die Abscheidung, Reinigung und Lagerung von CO2 ein sehr energie- und wasserintensiver Prozess ist.  Ein Drittel der Gesamtkosten von CCS-Projekten entfallen auf den Energieverbrauch. Kraftwerke, die das Verfahren nutzen, benötigen und verbrauchen bis zu doppelt so viel Wasser wie traditionelle Kraftwerke.[4] Der Klimawandel sorgt aber auch für eine Verknappung des Wassers, sodass sich die Konkurrenz um diesen Rohstoff verschärft. Deshalb ist der Bau von noch wasserintensiveren und weniger energieeffizienten Förderanlagen keine gute Idee.

Ist das CCS-Verfahren wirklich sinnvoll?

CCS ist außerdem sehr teuer und wird bislang ausschließlich bei den oben genannten Ölprojekten eingesetzt. Das Kemper-Projekt in den USA sollte das weltweit größte Kohlekraftwerk mit CCS-Technik werden. Jedes Jahr sollten mehr als drei Millionen Tonnen CO2 aufgefangen werden.  Nachdem das Projekt 7,5 Mrd. USD verschlungen hatte und nach mehreren Jahren Verzögerung noch immer nicht klar war, ob es rentabel sein würde, forderte die Aufsichtsbehörde in Mississippi den Eigentümer Southern Co. im Juni 2017 auf, das Vorhaben auf Eis zu legen. Man solle prüfen, ob man Kemper zu einem traditionellen Gaskraftwerk umbauen könne.

Ein weiteres Problem ist die Verfügbarkeit von CO2-Speicherstätten, insbesondere ihre Entfernung von den Orten, an denen der größte Teil der Emissionen entsteht. Die meisten CO2-Emissionen entstehen in China, den USA und Europa. Die meisten der besonders gut geeigneten tiefen Lagerstätten liegen aber im Nahen Osten und in Nordafrika. Neben den Kostenaspekten eines weiten Transports von CO2 zu geeigneten Lagerstätten stellt sich auch die Frage nach der Machbarkeit.

Und schließlich: Das CCS-Verfahren ist keine Voraussetzung für eine ausgeprägte Dekarbonisierung. In den Klimaplänen vieler Länder und in Europa kommt CCS gar nicht vor. Die USA, der zweitgrößte CO2-Emittent weltweit, gehen in ihrer Mid-Century Strategy (MCS) davon aus, ihre Treibhausgasemissionen von 2005 bis 2050 um 80% senken zu können – und zwar ohne CCS.

All dies erklärt, warum die Umsetzung ins Stocken geraten ist

Investitionen und Unterstützung der Aufsichtsbehörden lassen nach unddie Zahl der im Bau befindlichen CCS-Projekte befindet sich weltweit im freien Fall. So wurde 2016 kein einziges neues Projektbekannt gegeben.

Die wichtigsten Nutzer des CCS-Verfahrens (Stromproduzenten sowie die Stahl-, Chemie- und Zementindustrie), auf die im Szenario der IEA über 80% der aufgefangenen Emissionen entfallen, nehmen an der Diskussion gar nicht erst teil. Nur drei der 22 fertigen oder im Bau befindlichen Projekten dienen der Stromherstellung.[5] Die anderen befinden sich fast ausschließlich in der Ölindustrie.

In der letzten Version ihres 2°C-Szenarios musste die IEA die Stromproduktionskapazitäten, die bis 2040 mit CCS ausgestattet werden sollen, gegenüber der Schätzung im Vorjahr um die Hälfte senken. Sogar die US-Regierung, der sehr daran gelegen ist durch die Nutzung des CSS-Verfahrens die Kohleindustrie „sauber“ zu machen, um sie zu retten, hat das entsprechende Forschungsbudgets des Energieministeriums um 85% gekürzt.

CCS steckt in einer Sackgasse

Die Kosten und die Umweltfolgen dieses Dekarbonisierungsverfahrens haben Zweifel an seiner Sinnhaftigkeit geweckt. Der Einsatz von CCS bei der Nutzung fossiler Brennstoffe, insbesondere in Kohlekraftwerken, scheint nicht länger sinnvoll. Auch wenn es noch immer einige Befürworter gibt, ist der Begriff „sauberer Kohlenstoff“ ein Oxymoron. Auch das Sustainability Center von BNP Paribas AM ist der Meinung, dass Kohle keinen Platz in einem Energiemix hat, der den Zielen des Pariser Abkommens entspricht. CCS sollte nur in Branchen wie Stahl, Zement oder Chemie eingesetzt werden, die bislang noch keinen gangbaren Weg gefunden haben, CO2-neutral zu werden.


 [1] 2015, Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Summary for Policymakers.

[2] International Energy Agency, Energy Technology Perspectives 2016.

[3] OECD/IEA 2016, 20 years of carbon capture and storage, table 1.1 Large-scale CCS projects in operation or under construction, Global CCS Institute.

[4] IEA, WEO 2016, Water energy nexus.

[5] OECD/IEA 2016, 20 years of carbon capture and storage, table 1.1 Large-scale CCS projects in operation or under construction, Global CCS Institute.

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