Chinas Einfluss auf die Rohstoffmärkte

Post with image
Bitte beachten Sie, dass dieser Text technische Ausdrücke enthalten kann. Er richtet sich daher nur an Leser mit professioneller Investmenterfahrung.

In letzter Zeit fürchtete man, dass Chinas schwächeres Wirtschaftswachstum den Rohstoffmärkten schaden würde. Wie sehr, hängt dabei von der chinesischen Konjunktur ab. Aber wie steht es um die strukturellen Veränderungen? Dazu müssen wir zunächst analysieren, wie sich Chinas Wirtschaft verändert und was dies für die Rohstoffnachfrage bedeutet.

Staatliche Konjunktursteuerung

Die gute Nachricht ist, dass Chinas Wirtschaftswachstum meiner Ansicht nach auf absehbare Zeit kaum unter 6% fallen wird. Peking hat seine Politik der Nachfragesteuerung so angepasst, dass trotz Strukturreformen Schuldenabbau und Wachstum möglich sind. Geld- und Fiskalpolitik sind zurzeit neutral, können aber jederzeit gelockert werden, wenn es Anzeichen für einen Rückgang des Wirtschaftswachstums unter 6% gibt. Vor allem die Geldpolitik wurde genutzt, um die finanziellen Folgen des Schuldenabbaus und der Strukturreformen abzufedern. Damit ist es Peking bislang gelungen, Schulden und Überkapazitäten ohne große wirtschaftliche Folgen abzubauen. Das BIP-Wachstum ist leicht zurückgegangen, und die systemischen Risiken blieben unter Kontrolle.

Chinas Immobilienmarkt – der maßgeblich für Investitionen und Wachstum sorgt – kühlt ab, bricht aber nicht ein. Der Bestand an unverkauften Häusern ist gerade erst auf das 10- bis 18-Fache des Monatsumsatzes zurückgegangen. Am Tiefpunkt des Immobilienmarktes 2015 reichte der Bestand noch für über 30 Monate. Immobilienentwickler bauten daher weiter, auch wenn die Verkäufe voraussichtlich schwach bleiben. Natürlich kann das Wachstum im Bausektor und der Schwerindustrie weiter zurückgehen. Ich rechne aber nicht mit einem so starken Einbruch, dass dadurch das offizielle Wachstumsziel von 6,5% gefährdet wird.

Konjunkturelle Folgen

Rohstoffe, insbesondere Eisenerz und Kohle, hängen stark von der chinesischen Baukonjunktur ab, die wiederum von den Bedingungen am Immobilienmarkt bestimmt wird. Chinas Metallimporte fallen seit 2017 aufgrund des schwachen Immobilienmarktes. Eine nachlassende Baukonjunktur in China ist deshalb schlecht für die Metallpreise. Das chinesische Inlandsangebot wird seit 2015 jedoch gebremst, als Peking mit dem Abbau von Überkapazitäten begann. Die Metallnachfrage ist unterdessen nicht so stark zurückgegangen wie das Angebot. Dadurch kam es im Metallsektor zu Engpässen, die einen Preiseinbruch verhinderten.

Auswirkungen auf die Industrieländer

Chinas Baukonjunktur ist nicht nur für die rohstoffexportierenden Emerging Markets relevant. Sie hat auch große Auswirkungen auf die Exporte der Industrieländer. Die USA, Europa und Japan, die sogenannten G3-Staaten, exportieren sehr viele Investitionsgüter nach China. Die Lieferungen folgen eng der chinesischen Baukonjunktur (Abbildung 1).

Abbildung 1: G3-Exporte korrelieren mit der chinesischen Baukonjunktur

G3-Exporte korrelieren mit der chinesischen Baukonjunktur

Quelle: CEIC, BNP Paribas Asset Management (Asia), Stand: 01.06.2018

Ein maßvoller Rückgang der chinesischen Baukonjunktur hat aber vermutlich keine allzu gravierenden Folgen für das Wachstum der Industrieländer; schließlich hat auch der starke Einbruch 2015 den Aufschwung in Europa nicht gestoppt. In den USA litt die Konjunktur 2015 hingegen, was aber vor allem eine Folge des Ölpreiseinbruchs war, durch den die Energieinvestitionen in den USA zurückgegangen sind.

Die konjunkturellen Auswirkungen des niedrigeren chinesischen Wachstums auf die Rohstoffpreise dürften sich daher in Grenzen halten. Das Risiko besteht eher in der Kombination aus schwächerem Wachstum in China, Ölpreisschwankungen und weltpolitischen Risikofaktoren wie den politischen Auseinandersetzungen in Europa und den von den USA losgetretenen Handelskonflikten.

Langfristige Folgen

Chinas Rohstoffnachfrage verändert sich strukturell, weg von Metallen und hin zu Energie und Nahrungsmitteln – eine Folge der kreativen Zerstörung, durch die Chinas Wirtschaft jetzt mehr auf Konsum als auf Investitionen setzt. Chinas Industrialisierung in den letzten 30 Jahren sorgte für eine enorme Metall- und Energienachfrage. Doch seit Xi Jinping 2013 Präsident wurde, hat er nach und nach eine neue Wirtschaftspolitik eingeführt. Mit seinen Strukturreformen setzt er auf qualitatives statt auf quantitatives Wachstum. Weil das BIP dadurch nicht mehr so stark wächst, wird sich Chinas Rohstoffnachfrage verändern, und mit den steigenden Einkommen werden weniger Metalle und mehr Energie und Qualitätslebensmittel nachgefragt.

Stahlnachfrage

Das Wachstum der chinesischen Stahlnachfrage ist bereits von zweistelligen Werten Mitte der 2000er-Jahre auf zuletzt niedrige einstellige Werte gefallen, was die strukturellen Veränderungen der Volkswirtschaft unterstreicht. Man hätte mit großen Verwerfungen im Stahlsektor und an den Märkten für die zur Stahlproduktion nötigen Rohstoffe, wie Eisenerz und Koks, rechnen können. Doch auch wenn das Wachstum gefallen ist und weiter fällt, bleibt Chinas Nachfrage nach Stahl (und anderen Rohstoffen) noch immer so hoch, dass der absolute Nachfragezuwachs groß bleibt.

Energienachfrage

Ebenfalls gefallen ist Chinas Pro-Kopf-Energienachfrage, jedoch nicht so stark wie die Stahlnachfrage. Dies liegt daran, dass die Energienachfrage der neuen Branchen und der New Economy gestiegen ist. Dazu zählen die Branchen, die mit der „Made in China 2025“-Industrieinitiative gefördert werden sollen. Die New Economy besteht aus Konsumgütern, Transport, Dienstleistungen, Informationstechnologie, Computern, Handel und Finanzen. Deren Nachfrage gleicht den Nachfragerückgang der Old Economy trotz weniger stahlintensiver Bauten und der abnehmenden Bedeutung der Schwerindustrie aus.

Für Chinas Wirtschaft ist inländische Kohle der wichtigste Energieträger, sodass auf mittlere Sicht nicht die gesamte zusätzliche Energienachfrage an den Weltmärkten wirksam wird. Doch das wird sich langfristig ändern, da China den Übergang von „schmutziger“ Kohle zu sauberer Energie anstrebt.

Ölbedarf

Unterdessen wird Öl eine immer wichtigere Energiequelle. China importiert schon jetzt die Hälfte seines Ölbedarfs und einen immer größeren Teil seines Erdgasbedarfs. In den nächsten Jahren wird das Land daher für eine deutlich steigende weltweite Energienachfrage sorgen, sofern nicht konsequent strenge Energiesparmaßnahmen umgesetzt werden. Mit anderen Worten: China wird langfristig für eine höhere Weltnachfrage nach Öl und Gas sorgen.

Hinzu kommt eine strukturelle Veränderung der Nachfrage nach Raffinerieprodukten. Früher fragte China sehr viel Schweröl nach, beispielsweise Diesel und Kraftstoffe für die Schwerindustrie und Lastkraftwagen. Doch mit der Veränderung der Wirtschaftsstruktur weg von investitionsgetriebenem Wachstum mit hohem Schwerindustrieanteil ist die Dieselnachfrage seit 2013 deutlich zurückgegangen. In diesem Jahr überholte der tertiäre Sektor (ein Proxy für die neue Dienstleistungswirtschaft) den sekundären Sektor (ein Proxy für die alte Industriewirtschaft). Unterdessen ist die Benzinnachfrage stark gestiegen, weil die Zahl der PKW durch die Wirtschaftsreformen deutlich steigt.

Lebensmittel

Schließlich ist auch davon auszugehen, dass Chinas Nachfrage nach hochwertigeren Lebensmitteln wie Getreide, Fleisch und Molkereiprodukten (bei denen China schon jetzt ein Nettoimporteuer ist; vgl. Abbildung 2) stark zulegen wird, wenn die Einkommen steigen. Am Markt schätzt man, dass Chinas Getreidenachfrage pro Kopf in den nächsten Jahren durchaus doppelt so stark steigen könnte wie heute. Zurzeit beträgt der Anstieg 1%.

Abbildung 2: China ist Nettoimporteur folgender Nahrungsmittel*

*Gleitende 12-Monatssummen. Quelle: CEIC, BNP Paribas Asset Management (Asia), Stand: 01.06.2018

Ebenso wie die Energienachfrage wird auch die chinesische Nachfrage nach Qualitätsnahrungsmitteln große Auswirkungen auf die Weltmärkte für landwirtschaftliche Produkte haben – denn die inländische Nahrungsproduktion wird durch den Mangel an urbarem Land massiv begrenzt. Dennoch, um Chinas Einfluss auf den Weltmarkt für landwirtschaftliche Produkte abzuschätzen, muss man wissen, inwieweit die inländische Produktion durch neue Techniken zur Erntesteigerung zunimmt.


Anlagen in den Schwellenländern oder in spezialisierten oder beschränkten Sektoren weisen in der Regel eine überdurchschnittliche Volatilität auf. Gründe dafür sind eine größere Konzentration und eine höhere Unsicherheit, da weniger Informationen verfügbar sind, die Liquidität eingeschränkt ist oder die Anlagen auf gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Entwicklungen stärker reagieren.

Schwellenländer bieten mitunter weniger Sicherheit als die meisten Industrieländer. Daher können Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Kauf, dem Verkauf oder der Verwahrung von Schwellenmarktanlagen höheren Risiken unterliegen.

Weitere Artikel von Chi Lo

Mehr zu diesem Thema

Investors Corner app

 

Chi Lo

Senior Economist for China

Schreiben Sie einen Kommentar

Your email adress will not be published. Required fields are marked*