Die Taxonomie der EU: Das metrische System des 21. Jahrhunderts

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Das vorgeschlagene Klassifikationssystem für Nachhaltigkeit, die „EU-Taxonomie“ [1], wird eine „dynamische“ Liste aller Wirtschaftstätigkeiten sein, die tatsächlich als ökologisch nachhaltig angesehen werden können, indem sie ein gemeinsames Verständnis definieren und vermitteln, was „grün“ ist.

  • Standardisierungsprozess zur Bewältigung von „Greenwashing“ und Skepsis
  • Förderung von Wissenschaft, Innovation und Wachstum
  • Die Offenlegung von Daten sollte verbindlich werden

Im öffentlichen sowie im privaten Bereich gibt es heutzutage keine einheitlichen Klassifikationen und Interpretationen darüber, was wirklich als „grün“ anzusehen ist. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Finanzinstitut ebenso viele Variationen der „Taxonomie“ aufweist, wie verschiedene „grüne“ Finanzprodukte entwickelt. Einige könnten beispielsweise konventionelles Gas als Übergangsenergiequelle einschließen, andere würden dies nicht in einen ökologisch nachhaltigen Fonds aufnehmen.

Diese mangelnde Beständigkeit und Standardisierung ist der Grund, warum viele, insbesondere im Retail-Markt, skeptisch bleiben, was man unter „nachhaltigen Finanzprodukten“ versteht.

Die Taxonomie: Teil des 10-Punkte-Aktionsplans der europäischen Kommission zur nachhaltigen Finanzierung

Quelle: Europa 2018

Die Idee ist einfach: Damit eine Tätigkeit als geeignet gilt, muss nachgewiesen werden, dass sie einen wesentlichen Beitrag zu einem der sechs Umweltziele der EU leistet, ohne nachteilige Auswirkungen auf eines der anderen fünf Ziele zu haben. Folgende Ziele wurden definiert:

  • Minderung des Klimawandels
  • Anpassung an den Klimawandel
  • Wasser- und Meeresressourcen bewahren
  • Kreislaufwirtschaft
  • Abfallvermeidung und -recycling fördern
  • Umweltverschmutzung bekämpfen und gesunde Ökosysteme bewahren

Schwellenwerte für die Förderfähigkeit auf der Grundlage der besten verfügbaren Wissenschaft

Die Sachverständigengruppe der Europäischen Kommission für nachhaltige Finanzen (TEG) übernimmt Leitlinien zu den bestehenden EU-Rechtsvorschriften, -Regulierungen und –Zielen und basiert auf der Entwicklung der Taxonomie der NACE-Codes, dem Klassifizierungssystem. Die TEG legt Schwellenwerte für die Förderfähigkeit von Geschäftstätigkeiten anhand von Kennzahlen wie der Kohlenstoffintensität (gCO2/kWh), beruhend auf den besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen, vor und berücksichtigt die bestehenden anerkannten Standards.

Durch die Entwicklung einer Taxonomie will die Europäische Kommission ein „universelles Verständnis“ dessen entwickeln, was von Wissenschaft, Regierung, Industrie und Einzelpersonen gemeinsam umweltverträglich ist. Sie wird, wie das metrische System zu seinerzeit, Wissenschaft, Innovation und industrielles Wachstum fördern.

Vorteile einer „universellen Maßnahme“ lassen sich nicht einfach verkaufen

Im 17. Jahrhundert spaltete der Einsatz zahlloser Messsysteme Europa, da jedes Land seine eigenen Einheiten verwendete. Häufig wurden mehrere unterschiedliche Systeme innerhalb eines Landes verwendet. John Wilkins, ein Naturphilosoph, erkannte die Vorteile, die ein gemeinsames „universelles Maß“ Wissenschaft und Industrie bringen könnte. Er entwickelte einen rationalen Standard, der auf den besten wissenschaftlichen Erkenntnissen seinerzeit beruhte. Erst ein Jahrhundert später entdeckten französische Wissenschaftler ihn neu und führten eine Version für die Praxis ein.

Das neue metrische System fand zu seinerzeit keinen großen Anklang, da sich die Menschen auf die kurzfristigen Hürden der Einführung, anstatt auf seine langfristigen Vorteile, konzentrierten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde seine Nützlichkeit jedoch allgemein anerkannt und es wurde zum offiziellen Messsystem in fast ganz Kontinentaleuropa. Nicht viel später wurde er als internationaler Standard anerkannt.

In gleicher Weise hat die Entwicklung der „grünen“ Taxonomie mehr als nur ein paar Kritiken ausgelöst. Kritiker argumentieren, dass sich dies in höheren Kosten, Ineffizienzen und einem möglichen Hindernis für Industrie und Finanzen niederschlagen wird, da Beschränkungen auferlegt werden. Die Aufschlüsselung des Unternehmensumsatzes nach Tätigkeitsbereichen auf Basis der Taxonomie ist hierbei von grundlegender Bedeutung.

Datenverfügbarkeit bleibt die größte Hürde

Im Falle grüner Projekte oder der Verwendung der Erlöse sollten alle Anleger dieselben Informationen erhalten. Derzeit liefern die meisten Unternehmen keine detaillierten Informationen, weshalb die Verfügbarkeit von Daten wahrscheinlich das größte Hindernis für die rasche Umsetzung der Taxonomie darstellt.

Vor diesem Hintergrund werden die Leitlinien der TEG für klimabezogene Angaben die NFRD Richtlinien (Non-Financial Reporting Directive) über die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Unternehmenstätigkeiten aufwerten. Sie legen den Unternehmen insbesondere nahe, Umsatzdaten vorzulegen, die nach der Klassifizierung der Taxonomie aufgeschlüsselt sind.

Anregungen sind jedoch nicht dasselbe, wie Verpflichtungen. Aus diesem Grund fordern wir als Anleger, der sich verpflichtet hat, unsere Portfolios an die Pariser Vereinbarung anzupassen, dass die aktualisierten Leitlinien zur Pflicht gemacht werden. Wir werden unsere Macht als verantwortungsbewusster Anleger nutzen, um die Unternehmen, in die wir investieren, dazu zu ermutigen, die erforderlichen Informationen offenzulegen.

In den Leitlinien wird ferner empfohlen, dass Unternehmen ihre Kapitalanlagen in Tätigkeiten offenlegen, die der Taxonomie entsprechen. Dieser zukunftsorientierte Indikator wird den Anlegern helfen, die zukünftige Performance von Unternehmen besser zu beurteilen und diejenigen zu ermitteln, die in einem Umfeld immer strengerer Vorschriften für den CO2-Ausstoß einen Wettbewerbsvorteil haben werden.

Die Taxonomie muss ständig aktualisiert werden

Die Taxonomie wird schrittweise umgesetzt und die Aneignung der Maßnahmen einen Übergangszeitraum in Anspruch nehmen. Die Unternehmen werden ihre Berichtssysteme verbessern müssen, und Anleger und andere Finanzmarktteilnehmer werden ihre derzeitigen Klassifikationen schrittweise ersetzen müssen.

Eine weitere Voraussetzung für den Erfolg der Taxonomie ist, dass sie dynamisch bleibt und alle Entwicklungen bei grünen Technologien berücksichtigt. Wie beim Pariser Abkommen ist der laufende, kontinuierliche Überarbeitungsprozess nahezu wichtiger als die erste Version der Taxonomie.

Um ihre Entwicklung zu gewährleisten, hat die Kommission die Einrichtung einer Plattform für nachhaltige Finanzen vorgeschlagen, die die Taxonomie innerhalb und außerhalb der europäischen Grenzen fördern und für die Überwachung, Aktualisierung und Bewertung der Taxonomie und ihrer Auswirkungen auf Wirtschaft und Umwelt verantwortlich sein soll.

Eine klare Fahrtrichtung

Die Einführung der Taxonomie wird institutionelle Anleger und Privatanleger beruhigen und gleichzeitig mittel- und langfristig Zeit und Ressourcen einsparen. Wie seinerzeit das metrische System, wird Unternehmen eine klare Richtung vorgeschlagen, um Forschung und Entwicklung in grüne Technologien zu fördern und diejenigen zu belohnen, die ihre Geschäftstätigkeiten grüner zu gestalten.

Die Taxonomie wird die Messung privater und öffentlicher, nationaler und internationaler Kapitalströme in Umweltaktivitäten innerhalb und außerhalb Europas ermöglichen. Eine standardisierte, wissenschaftliche und nachweisbasierte Taxonomie wird die weit verbreiteten Ängste vor Greenwashing abbauen und, was noch wichtiger ist, Investitionen dort fördern, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Quelle: Der 10-Punkte-Aktionsplan der EG zur nachhaltigen Finanzierung

 

[1] Der Legislativvorschlag wird derzeit ausgehandelt. Während das Europäische Parlament am 28. März eine Einigung erzielte, hat der Europäische Rat dies nicht getan. Die meisten Analysten behaupten, dass der endgültige Text angesichts der bevorstehenden Wahlen erst im Herbst verabschiedet wird, obwohl eine Einigung nicht erwartet wird.


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Helena Vines Fiestas

Deputy Global Head of Sustainability

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