Europas Offensive für eine nachhaltige Finanzwirtschaft und ihre Bedeutung

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Der Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums der Europäischen Kommission ist das weltweit umfassendste Programm zur Integration von Nachhaltigkeit auf allen Ebenen der finanziellen Wertschöpfungskette.


„Zwischen 2007 und 2017 sind die wirtschaftlichen Verluste wegen extremer Wetterlagen um 86% gestiegen. Die Vorschläge der [Europäischen Kommission] … haben zum Ziel, die immense Kraft der Kapitalmärkte für den Kampf gegen den Klimawandel zu nutzen und Nachhaltigkeit zu fördern.“ – Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der Europäischen Kommission für Finanzstabilität, Finanzdienstleistungen und Kapitalmarktunion.

„Um die Klimaziele der EU für das Jahr 2030 zu erreichen, benötigen wir zusätzliche Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien in Höhe von rund 180 Milliarden Euro pro Jahr. Es ist von entscheidender Bedeutung, privates Kapital für die Finanzierung nachhaltiger Investitionen zu mobilisieren. Die Vorschläge der Kommission werden die Transparenz nachhaltiger Finanzprodukte und der damit verbundenen Anlagemöglichkeiten erhöhen.“ – Jyrki Katainen, Vizepräsident der Europäischen Kommission für Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit.

Diese Aussagen von zwei hochrangigen Mitgliedern der Europäischen Kommission verdeutlichen die Motivation für die von der Kommission im vergangenen Jahr vorgelegten Gesetzesentwürfe, die die Integration von Nachhaltigkeit im privaten Finanzsektor fördern sollen. Diese Gesetze sollen als Grundlage für den 10-Punkte-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums dienen.

Das Maßnahmenpaket betrifft alle wichtigen Akteure entlang der finanziellen Wertschöpfungskette und soll erreichen, dass sie Nachhaltigkeit bei ihren Aktivitäten berücksichtigen.

Ein klareres System soll helfen, große Mengen an Kapital zu mobilisieren

Die Vorschläge der Kommission – einige davon werden voraussichtlich in zwei Monaten vom Europäischen Parlament verabschiedet – werden das Finanzsystem transparenter, besser, nachhaltiger sowie weniger kurzfristig orientiert gestalten.

Es wird für Anleger außerdem leichter und kostengünstiger werden, zu ermitteln, welche Anlagen wirklich nachhaltig sind und Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken in den Mittelpunkt ihres Anlageprozesses zu stellen.

Letzten Endes sollen die Gesetzesentwürfe dabei helfen, in großem Umfang Kapital aus dem privaten Sektor für die Einhaltung der Ziele zur Verringerung des CO2-Ausstoßes der EU zu mobilisieren.

Ein wichtiger Grund für diese Vorschläge ist die Erkenntnis, dass es trotz des raschen Marktwachstums für nachhaltige Anlageprodukte in Europa (wohl mehr als auf jedem anderen Kontinent) aufgrund von Zweifeln, Skepsis oder Unsicherheit der Anleger immer noch etliche Faktoren gibt, die weiterem Fortschritt im Wege stehen.

Quelle: Europa 2018

Der Gesetzesentwurf hat drei Ziele, die diese bestehenden Hindernisse beseitigen sollen:

  • Lenkung der Kapitalflüsse in Richtung nachhaltigerer Technologien und Unternehmen
  • Breite Integration von Nachhaltigkeit in das Risikomanagement
  • Transparenz und langfristiges Denken in den Bereichen Finanzen und Wirtschaft

Kapital in „grüne“ Investitionen lenken, sobald wir diese identifizieren können

Da die Umsetzung der ehrgeizigen EU-Klimaziele 180 Milliarden Euro pro Jahr an zusätzlichen Investitionen erfordert, ist es notwendig, dass der Finanzsektor ausreichend Kapital in „grüne“ Investitionen umlenkt.

Was ist eine „grüne“ Anlage? Diese Frage wird von jedem Land bzw. jedem Finanzinstitut unterschiedlich beantwortet. Um Kapitalströme umlenken zu können, braucht es jedoch ein klar definiertes Ziel.

Daher ist der erste Schritt im Aktionsplan der EU die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, d.h. einer „Taxonomie“, um herauszufinden, welche Aktivitäten wirklich ökologisch nachhaltig sind.

Kennzeichnung grüner Anlageprodukte zur Vermeidung von Grünfärberei

Das Klassifizierungssystem der EU (die „Taxonomie“) wird als Grundlage für die Entwicklung von EU-Standards und -Labels für grüne Finanzprodukte und Nachhaltigkeits-Benchmarks dienen und auch für die Auswahl von Projekten, die die EU vorrangig finanzieren wird, vor allem im Infrastrukturbereich.

Unternehmen, die als „grün“ vermarktete Finanzprodukte verkaufen, müssen angeben, wie diese in die Taxonomie passen. Bei einem klassischen „grünen“ Aktienfonds bezieht sich dies auf den Prozentsatz des Fonds, der in taxonomiekonforme Aktivitäten investiert wird.

Nachhaltigkeit: in Zukunft ein wichtiger Teil des Risikomanagements

Die treuhänderischen Pflichten von institutionellen Anlegern und Vermögensverwaltern sollen durch ein neues Gesetz präzisiert werden. Institutionelle Anleger und Vermögensverwalter werden darin ausdrücklich verpflichtet, Nachhaltigkeitsaspekte in ihren Anlageentscheidungsprozess zu integrieren und klar zu kommunizieren, wie sie dies tun, ganz besonders im Hinblick auf ihren Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken. Auch Ratingagenturen und Researchanbieter sind davon betroffen.

Außerdem wird sich der Gesetzesentwurf damit beschäftigen, wie Klimarisiken in die Risikomanagementstrategien von Finanzinstituten miteinbezogen werden können. Weiterhin beschäftigt dieser sich mit der potenziellen Anpassung der Eigenkapitalanforderungen der Banken im Rahmen der Eigenkapitalrichtlinie und der Kapitaladäquanzverordnung.

Würde es sich für Sie eignen?

In bestehende Gesetze soll aufgenommen werden, dass Nachhaltigkeitspräferenzen bei der Prüfung (darüber, welche Anlageprodukte für den Kunden „geeignet“ sind) berücksichtigt werden müssen. Dies betrifft demnach ebenfalls Finanzberater.

Kunden systematisch nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen zu fragen, könnte zu großen Veränderungen führen. Auf jeden Fall müssen Finanzberater und -intermediäre in Zukunft ihre Hausaufgaben im Bereich Nachhaltigkeit und ESG-Produkte machen. Dies könnte aber auch den Privatkundenmarkt beleben, da im Jahr 2025 75% der Erwerbstätigen Millenials sein werden, von denen 84% Nachhaltigkeit für ein zentrales Kriterium bei der Geldanlage halten.

Transparenz und langfristige Orientierung

Die Kommission wird klare Regeln für die Finanzakteure festlegen, mit dem Ziel, die Transparenz ihrer Handlungen deutlich zu verbessern. Das umfasst auch die Offenlegung von klimarelevanten und anderen ESG-Faktoren. Dennoch stellt sich angesichts der Tatsache, dass viele dieser Akteure immer noch kurzfristig denken, die Frage, wie viel Kapital tatsächlich in eine nachhaltigere Wirtschaft umgelenkt werden kann.

Um vom weitverbreiteten kurzfristigen Denken an den Kapitalmärkten wegzukommen, wird es nötig sein, sich mit der Portfolioumschlagshäufigkeit und der Aktienhaltedauer von Vermögensverwaltern zu beschäftigen. Zudem könnte es erforderlich sein, Unternehmensführungen zu verpflichten, eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und zu veröffentlichen. Diese würde eine angemessene Due Dilligence in der gesamten Lieferkette sowie messbare Nachhaltigkeitsziele beinhalten.

Der Aktionsplan schafft ein globales Vorbild für nachhaltige Finanzreformen und etabliert Europa als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Sein Ziel ist es, das Finanzsystem zu einem Motor für den Übergang zu einer CO2-armen, klimawandelresistenten Kreislaufwirtschaft umzugestalten und es gleichzeitig transparenter sowie umwelt- und sozialverträglicher zu machen.


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