Neue Russland-Sanktionen: Ein einmaliges Ereignis oder ein Signal für weitere Schritte?

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Die USA haben vor kurzem mehrere russische Gesellschaften und Personen in ihre Liste mit Sanktionen aufgenommen, was zu einem Ausverkauf am Markt führte (siehe Abbildung 1).

Drei der Unternehmen auf der Liste sind börsennotiert: der Aluminiumhersteller Rusal, die Holdinggesellschaft En+ und der Autohersteller GAS, alle kontrolliert von Oleg Deripaska[1].

Das US-Finanzministerium hat den Besitz jeglicher Aktien und Anleihen dieser drei Unternehmen verboten. Anleger befürchten nun, dass weitere Maßnahmen gegen andere an der russischen Börse notierte Unternehmen ergriffen werden könnten.

Abbildung 1: Preise für Vermögenswerte in Russland 01.04.2018-19.04.2018

Preise für Vermögenswerte in Russland, April 2018

Quelle: FactSet, BNP Paribas Asset Management, Stand: 19.04.2018

Wir rechnen jedoch nicht damit, dass diese Sanktionen auf den gesamten russischen Aktienmarkt ausgedehnt werden, und betrachten die aktuelle Marktschwäche als Überreaktion:

  • Der Fall Deripaska ist insofern speziell, da er von US-Strafverfolgern und -Behörden verdächtigt wurde, an einer Einmischung in die US-Wahlen im Auftrag der russischen Regierung beteiligt gewesen zu sein.
  • Die Verhängung marktweiter Sanktionen wäre für US-Vermögensverwalter noch schädlicher als die Verhängung von Sanktionen gegen russische Staatsanleihen. In der Vergangenheit verzichtete die amerikanische Regierung auf derart breit angelegte Sanktionen, nachdem sie zu dem Schluss gekommen war, dass sie erhebliche Nachteile für US-Anleger bringen würden.
  • Wir halten die Ukraine- oder Krim-Krise für deutlich wahrscheinlichere Gründe für die Verhängung von Sanktionen als eine Einmischung in US-Wahlen, die noch immer nicht bewiesen ist.

Neue Sanktionen: was ist passiert?

Am 6. April 2018 verhängte das US-Finanzministerium Sanktionen gegen eine Reihe von russischen Gesellschaften und Personen (Specially Designated Nationals, SDN). Auf die Sanktionsliste kamen russische Politiker, Führungskräfte von Staatsbetrieben sowie verschiedene Geschäftsleute. Von den 14 neu sanktionierten Gesellschaften sind 12 von ebenfalls neu in die Liste aufgenommenen Personen kontrolliert; die anderen beiden sind Rüstungsunternehmen.

Nach Angaben des Finanzministeriums beruhten die Maßnahmen auf dem Bericht nach CAATSA Section 241 vom Januar 2018, der im Rahmen der Untersuchung der russischen Einmischung in den US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 erstellt wurde.

Die neuen Sanktionen sehen Folgendes vor:

  1. Alle US-Gesellschaften und -Personen müssen vor dem 5. Juni 2018 jegliche Geschäftsbeziehungen zu den zwölf von den neu aufgenommenen SDNs kontrollierten Unternehmen beenden. Untersagt sind damit jegliche Transaktionen und Aktivitäten mit den zwölf börsennotierten Unternehmen, was auch ein sofortiges Verbot von Exporten aus den USA und ab 5. Juni 2018 von Importen in die USA umfasst. Alle US-Personen müssen ihre Zusammenarbeit mit den börsennotierten Unternehmen einstellen, einschließlich Beschäftigungsverhältnisse und Mitgliedschaften in Verwaltungsräten.
  2. Sämtlicher Besitz sowie alle Konten der SDNs und der sanktionierten Unternehmen in den USA werden eingefroren.
  3. Der Besitz jeglicher Aktien und Anleihen, die von Rusal, En+ und GAS emittiert wurden, ist verboten, auch wenn sie vor dem 6. April 2018 emittiert wurden. Es wird erwartet, dass US-Gesellschaften und -Personen bis zum 7. Mai 2018 sämtliche derartigen Finanzinstrumente verkaufen.

Von den zwölf sanktionierten russischen Gesellschaften werden acht von Oleg Deripaska kontrolliert; mit Rusal, En+ und GAS sind drei davon börsennotiert. Laut dem US-Finanzministerium hat Derispaka direkt oder indirekt für oder im Namen eines hochrangigen Mitglieds der russischen Regierung gehandelt oder soll dies getan haben; diese Aussage könnte sich auf die Untersuchung der Einmischung in den US-Präsidentschaftswahlampf beziehen.

Auf der neuen Liste befinden sich keine Unternehmen, an denen sanktionierte Personen oder Gesellschaften mit weniger als 50 % beteiligt sind. Norilsk Nickel zum Beispiel, an dem Deripaska über Rusal etwa 28 % hält, steht nicht auf der Sanktionsliste.

Wie hat der Markt auf die Sanktionen reagiert?

Aktien der drei von Deripaska kontrollierten Unternehmen sowie der Aktienmarkt allgemein reagierten mit einem massiven Ausverkauf (der MSCI Russia gab am Tag der Ankündigung 9,6 % nach, der Rubel verlor 3,6 % zum Dollar).

Der Grund für den Kursrückgang bei Deripaskas Unternehmen ist offensichtlich: Anleger nehmen das in einem Monat in Kraft tretende Verbot von Aktienbesitz vorweg und versuchen, ihre Positionen so schnell wie möglich und zu jedem Preis glattzustellen. Hinzu kommt, dass die neuen Sanktionen nach Angaben von Rusal stark negative Auswirkungen auf sein Geschäft haben und zu einer technischen Zahlungsunfähigkeit führen könnten; Rusal generiert 10 % seiner Umsätze in den USA.

Unserer Ansicht nach ist der Hauptgrund für den allgemeinen Ausverkauf die rückwirkende Verhängung von Finanzsanktionen. Die USA haben bereits in der Vergangenheit Finanzsanktionen gegen börsennotierte russische Unternehmen verhängt, zum Beispiel gegen Sberbank, VTB und Rosneft im Jahr 2014.

Diese Beschränkungen betrafen jedoch nur Finanzinstrumente, die nach der Ankündigung emittiert wurden; weil die Unternehmen bereits börsennotiert waren, bedeuteten die Sanktionen kein Verbot des Besitzes ihrer Aktien.

Im neuesten Fall aber haben die USA den Besitz sämtlicher Finanzinstrumente verboten, die von den aufgezählten Gesellschaften emittiert wurden, unabhängig vom Zeitpunkt der Emission. Daher müssen sich Anleger nun möglicherweise auf ähnliche Sanktionen bei anderen russischen Unternehmen einstellen.

Was sind die Aussichten?

Tatsächlich können wir nicht gänzlich ausschließen, dass in Zukunft ähnliche Sanktionen gegen andere russische Unternehmen verhängt werden. Die bisherigen Maßnahmen und Aussagen des US-Finanzministeriums sprechen allerdings dafür, dass Unternehmen dafür die folgenden Kriterien erfüllen müssten:

  • Die Aktionäre oder das Unternehmen selbst werden von den USA als Gefahr für die Wirtschaft, die Außenpolitik, die nationale Sicherheit oder die Souveränität des Landes angesehen.
  • Die Gesellschaft oder Person, die diese Kriterien erfüllt, muss mindestens 50 % des Unternehmens besitzen.

Welche russischen Personen oder Gesellschaften von den USA als eine solche Bedrohung angesehen werden könnten, lässt sich schwer einschätzen. Der Fall Deripaska ist speziell, weil er im Verdacht stand, im Auftrag der russischen Regierung an einer Einmischung in den US-Wahlkampf beteiligt gewesen zu sein.

Wir erwarten nicht, dass ähnliche Restriktionen für den gesamten russischen Aktienmarkt eingeführt werden. Insofern betrachten wir den jüngsten Kursrückgang als Überreaktion. Anfang Februar hat das US-Finanzministerium einen Bericht über die potenziellen Konsequenzen von Sanktionen gegen russische Staatsanleihen veröffentlicht.

Demnach unterstützt das Ministerium derartige Sanktionen aufgrund des möglichen Schadens für US-Vermögensverwalter nicht. Ausländer halten mehr als ein Drittel des gesamten ausstehenden Volumens russischer Staatsanleihen. Bei Aktien sieht es ähnlich aus. Nach unseren Schätzungen sowie den von Sberbank CIB und Bloomberg veröffentlichten Daten liegen 60-70 % des Streubesitzes am russischen Markt bei ausländischen Anlegern, davon etwa die Hälfte bei Fonds mit Sitz in den USA.

Die Verhängung marktweiter Sanktionen wäre somit für US-Vermögensverwalter noch schädlicher als Sanktionen gegen russische Staatsanleihen, auf die verzichtet wurde.

Zudem halten wir die Ukraine- und Krim-Krise für einen schwerwiegenderen Grund für Sanktionen als eine Einmischung in US-Wahlen, die noch immer nicht bewiesen ist. Der entscheidende Unterschied beim aktuellen Fall liegt in dem Vorwurf der US-Behörden, Deripaska sei persönlich in die politischen Spannungen zwischen den USA und Russland involviert. Insofern sind wir der Ansicht, dass die jüngsten Sanktionen ein einmaliges Ereignis waren und nicht etwa ein Schritt in Richtung von allgemeineren Einschränkungen von Investitionen in russische Vermögenswerte.


[1] Deripaska kontrolliert En+ und GAS und hält außerdem eine indirekte Beteiligung in Höhe von knapp 50 % an Rusal. Viktor Vekselberg, der ebenfalls neu auf die US-Sanktionsliste kam, hält einen weiteren großen Anteil an Rusal, sodass der Gesamtanteil der sanktionierten Eigentümer bei mehr als 50 % liegt.

Von Vladimir Tsuprov, TKB Investment Partners, and Artem Perminov, TKB Investment Partners

Vladimir Tsuprov

Chief Investment Officer, Deputy CEO, TKB Investment Partners

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