Warum Momentum-Strategien gerade in individualistischen Gesellschaften gut funktionieren

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Momentum beruht auf der Tatsache, dass Aktien in der Regel einem Trend folgen. Die entsprechende Strategie folgt dem Grundsatz: „Kaufe gut laufende Aktien, und du wirst Gewinne machen, sobald sich die Masse darauf stürzt“. Es geht also darum, den Herdentrieb an den Märkten zu nutzen.

Da die asiatischen Kulturen eher kollektivistisch und die westlichen eher individualistisch geprägt sind, sollte man denken, dass Momentum-Strategien an den asiatischen Finanzmärkten besser funktionieren. Doch genau das Gegenteil ist der Fall!

In diesem Beitrag erklären wir, weshalb das Stereotyp hier nicht zutrifft.

Der niederländische Sozialpsychologe Geert Hofstede hat Individualismus als Erster präzise gemessen und einen Individualismus-Index erstellt, den er in seinem 2001 erschienenen Buch „Culture‘s Consequences: Comparing Values, Behaviors, Institutions and Organizations Across Nations“ beschreibt. Dieser Index misst den Grad, zu dem wir uns auf uns selbst (beispielsweise auf unsere persönlichen Fähigkeiten) konzentrieren, um uns von unseren Mitmenschen zu unterscheiden. Anders gesagt geht es darum, wie abhängig bzw. unabhängig das Selbstverständnis der Menschen eines Landes von ihrem kulturellen Umfeld ist.

Die nachfolgende Tabelle zeigt einen Auszug aus dem Individualismus-Index, den Geert Hofstede auf der Grundlage einer von 1967 bis 1973 durchgeführten Untersuchung unter IBM-Mitarbeitern erstellt hat. Die Werte 0 und 100 bezeichnen die niedrigste bzw. die höchste individualistische Orientierung.

Abbildung 1: Auszug aus dem Individualismus-Index

MomentumQuelle: Andy Chui, Sheridan Titman and John Wei, ‘Individualism and Momentum around the World’, Stand 1.09.2017

Dabei springt die kulturelle Kluft zwischen Asien und der westlichen Welt sofort ins Auge – und sie entspricht dem vorherrschenden Stereotyp, das wir aus vielen Kinofilmen kennen.

Da Momentum darauf basiert, dass wir dazu neigen, entweder einem Meinungsmacher oder der Herde zu folgen, könnte man annehmen, dass Momentum-Strategien in Asien, wo die Gesellschaften in der Regel kollektivistischer orientiert sind, besser funktionieren. Doch wie quantitative Fondsmanager im Rahmen des Factor Investing herausgefunden haben, verhält es sich genau umgekehrt: Tatsächlich lassen sich an den westlichen Finanzmärkten mit Momentum-Strategien wesentlich höhere Renditen erzielen als in an den asiatischen Börsen.

Der Grund für diesen vermeintlichen Widerspruch liegt darin, dass der Momentum-Faktor zwei psychologische Aspekte nutzt, die in individualistischen Gesellschaften stärker ausgeprägt sind – nämlich Selbstüberschätzung und das Bedürfnis zur Selbstvalidierung.

Hinter der Selbstüberschätzung verbirgt sich die Tatsache, dass wir die Qualität der uns vorliegenden Informationen oder zumindest unsere Fähigkeit, uns diese zunutze zu machen, häufig zu hoch bewerten – und zwar selbst dann, wenn wir genau wissen, dass unsere Informationen auch anderen zur Verfügung stehen oder dass sie eigentlich irrelevant sind.

Ein Phänomen, das aus der Selbstüberschätzung resultiert, ist die „Heimatneigung“ der Anleger: Sie investieren am liebsten am Markt ihres Wohnortes – also dort, wo sie sich am besten auskennen und am sichersten fühlen.

Auch der sogenannte Endowment-Effekt ist auf die Selbstüberschätzung zurückzuführen. Diese Hypothese besagt, dass wir dazu tendieren, ein Gut wertvoller einzuschätzen, wenn wir es besitzen (und kennen). Wenn also ein Anleger eine Aktie kauft, entwickelt er allein deshalb eine Sympathie dafür, weil er sie besitzt – und kauft weitere Aktien des gleichen Unternehmens dazu. Dadurch gewinnt die Aufwärtsbewegung an Schwung – das Momentum steigt.

Die zweite psychologische Komponente, die Selbstzuschreibung, bezeichnet unsere Neigung, unseren eigenen Einfluss zu überschätzen, wenn wir Erfolg haben, und umgekehrt unsere eigene Verantwortung herunterzuspielen, wenn wir einen Misserfolg einstecken müssen. Eine starke Selbstzuschreibung hat eine starke Selbstüberschätzung zur Folge. Deshalb glauben wir, dass der Kurs einer Aktie – allein deshalb, weil wir sie gekauft haben – steigen muss. Also kaufen wir noch mehr davon.

In unseren sehr individualistisch ausgerichteten westlichen Gesellschaften sind diese beiden emotionalen Verhaltensmuster besonders ausgeprägt. Die Menschen in Asien hingegen suchen stets einen Konsens, was die Fehlerquote aufgrund dieser Muster stark reduziert. Denn wenn Anlageentscheidungen kollektiv getroffen und Argumente und Gegenargumente vorher diskutiert werden, verlieren sowohl die Selbstzuschreibung als auch die Selbstüberschätzung an Einfluss.

James Montier, der zu den Pionieren im Bereich Behavioural Finance zählt, hat in seinen White Papers die „Sünden“ der Selbstzuschreibung und Selbstüberschätzung beschrieben und rät jedem Anleger: „Hör nicht auf Menschen, die dasselbe denken wie du. Hol dir besser Meinungen ein, die von deinen abweichen. Dann hast du wenigstens etwas dazugelernt.“ Und wie lautet das Fazit? Stereotype sind stets mit Vorsicht zu genießen!


Verfasst am 01.09.2017

Schlüsselwörter:

Smart Beta – eine Reihe von Anlagestrategien, deren Referenzindex nicht nach Marktkapitalisierung, sondern nach anderen Kriterien gewichtet ist.

Factor Investing – Anlagestrategie, bei der die Titelauswahl auf verschiedenen renditesteigernden Merkmalen der einzelnen Aktien beruht.

Momentum – Beschleunigung der Kursbewegung oder Zunahme des Handelsvolumens einer Aktie.

Stereotyp – weit verbreitete, stark vereinfachte und schablonenhafte Beurteilung von Personen oder Dingen.

Individualismus – Gewohnheit oder Grundsatz, unabhängig und ichbezogen zu sein und die persönlichen Leistungen höher einzuschätzen als die Erfolge einer Gruppe (und daher verbunden mit dem Bedürfnis einer höheren Selbstvalidierung und der Verfolgung des persönlichen Glücks).

Etienne Vincent

Global Head of Quantitative Management

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