Die wirtschaftlichen Folgen des neuen Protektionismus

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Wie von uns erwartet, haben sich die Handelskonflikte im Sommer verschärft. Die US-Regierung konzentrierte ihre Offensive allerdings auf China. Zugleich arbeitete sie an einer Vereinbarung mit Kanada und Mexiko über einen Nachfolgevertrag zur NAFTA und schloss faktisch Waffenstillstand mit der EU.

Im Juli reiste EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu Handelsgesprächen nach Washington. Die EU protestierte gegen die im zweiten Quartal eingeführten US-Zölle auf Stahl und Aluminium. Vor allem aber fürchtete sie Zölle auf Autos gemäß Section 301 des US-Handelsgesetzes, d.h. unter dem Vorwand der Wahrung der nationalen Sicherheit.

Die Gespräche endeten mit einer Vereinbarung über die Bildung einer Arbeitsgruppe, die eine Reihe von Handelsthemen erörtern soll. Bis Ergebnisse vorliegen, sollen keine weiteren Zölle erhoben werden. Insbesondere wird die Arbeitsgruppe „gemeinsam auf den vollständigen Abbau von Zöllen, nicht-tarifären Handelshemmnissen und Subventionen von Industriegütern außerhalb des Automobilsektors hinarbeiten“. Weitere Ziele sind generell geringere Handelshemmnisse und ein stärkerer Handel mit Dienstleistungen, Chemie- und Medizinprodukten sowie Sojabohnen. Zudem einigten sich die Gesprächspartner auf eine „Intensivierung der Zusammenarbeit im Energiesektor“. Die Europäische Union möchte mehr Flüssiggas (LNG) aus den USA importieren, um den Energiemix zu diversifizieren.

Bei alldem handelt sich aber natürlich nur um eine Einigung auf Verhandlungen, nicht um eine Vereinbarung. Die Abschlusserklärung enthielt jedoch auch klare Hinweise auf eine Zusammenarbeit gegen die Handelspraktiken Chinas. Es hieß: „Wir haben heute beschlossen, dass wir gemeinsam Unternehmen aus den USA und Europa besser gegen unfaire internationale Handelspraktiken schützen wollen. Dazu werden wir eng mit gleichgesinnten Partnern zusammenarbeiten, um die WTO zu reformieren und gegen unfaire Handelspraktiken wie den Diebstahl geistigen Eigentums, erzwungenen Technologietransfer, Industriesubventionen, Verzerrungen durch Staatsunternehmen und Überkapazitäten vorzugehen.“

Schon länger hatten die USA die EU-Kommission zu diesem Schritt gedrängt. Dabei ging es ihnen vor allem um den Diebstahl geistigen Eigentums, den Technologietransfer Chinas sowie mutmaßliche Dumpingpreise für Metalle. Stahl- und Aluminiumzölle waren als Druckmittel eingesetzt worden.

Unabhängig davon erzielte die Trump-Administration Ende September eine Einigung mit Mexiko und Kanada über einen Nachfolgevertrag für das North American Free Trade Agreement (NAFTA). Das neue Abkommen soll United States Mexico Canada Agreement (USMCA) heißen. Es enthält strengere Vorgaben zur Herkunft der Vorprodukte und zu den Löhnen in der Automobilindustrie. Außerdem hat Kanada bei Molkereiprodukten Zugeständnisse gemacht.

Während die Handelsspannungen zwischen den USA, Mexiko und Kanada im Sommer offenbar nachgelassen haben, hat sich das Verhältnis zwischen den USA und China weiter verschlechtert. Aus unserer Sicht ist die Androhung von Importzöllen für Waren aus China kein Bluff. Die USA sind entschlossen, China zu einem besseren Marktzugang für ausländische Unternehmen und zu mehr Respekt vor geistigem Eigentum zu zwingen.

Nach dem Ende der Konsultationsphase Anfang September machte die Trump-Administration ihre Drohung wahr und führte Zölle auf chinesische Waren im Wert von weiteren 200 Mrd. US-Dollar ein. Zurzeit betragen sie 10%, ab 2019 werden sie auf 25% erhöht. Das gibt US-Unternehmen Zeit, neue Zulieferer und/oder Ersatzprodukte zu finden. China reagierte mit Gegenzöllen auf US-Waren im Wert von 60 Mrd. US-Dollar und reichte eine Beschwerde bei der WTO ein. Außerdem sagte China Handelsgespräche ab. Aus unserer Sicht liegen die Wirtschaftspolitik Chinas und die von Washington geforderte Handelspraxis zu weit auseinander, als dass es zu einer Einigung kommen könnte. Kurzfristig ist nicht mit einer Lösung des Konflikts zu rechnen.

Die Eskalation des Handelskriegs zwischen den USA und China hat Auswirkungen auf Treasuries und TIPS, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Die Störungen in den internationalen Lieferketten könnten die Unternehmensgewinne und das Geschäftsvertrauen belasten.
  • Die Handelszölle selbst haben Auswirkungen auf die Verbraucherpreise. Die Inflation könnte um 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte steigen. Das Ausmaß des Anstiegs wird davon abhängen, ob Produzenten und Einzelhändler die Mehrkosten infolge der Zölle selbst tragen oder ob sie sie an die Verbraucher weitergeben. Höhere Preise bei geringerem langfristigem Wachstum führen zur Stagflation. Mit anderen Worten: In den letzten Jahren hat die Globalisierung zu einer geringeren Inflation und starkem Wachstum geführt. Wenn der Protektionismus zurückkehrt, ist mit höherer Inflation und weniger Wachstum zu rechnen. Am Ende würde die Break-Even-Inflation zunehmen und einen starken Anstieg der realen Langfristrenditen verhindern.

Auch die Beschäftigung und das Wachstum in den USA sind betroffen. Die Zölle könnten die internationalen Lieferketten empfindlich stören, weil sie Einfluss auf die Preise und die Verfügbarkeit von Grundstoffen, Zwischenerzeugnissen und Produkten haben. US-Produzenten müssen möglichst Ersatz für ihre chinesischen Zulieferer finden. Höhere Preise und die Störung der Lieferketten können kurzfristig die Beschäftigung schwächen. Betroffene Unternehmen haben möglicherweise nicht genug Kapital, um die notwendigen Anpassungen zu finanzieren. Mittelfristig dürfte die Tatsache, dass wieder mehr in den USA selbst produziert wird, allerdings die Beschäftigung in einigen US-Sektoren stärken. Langfristig könnte ein geringerer Welthandel aber das Potenzialwachstum  bremsen, weil sich die Länder nicht mehr auf Bereiche konzentrieren, in denen sie Wettbewerbsvorteile haben.


Weiter Artikel von Cedric Scholtes.

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