Handelsgespräche zwischen China und den USA: anhaltender Zollaufschub?

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Mit dem Beginn der neuen Verhandlungsrunden zwischen China und den USA scheint sich die Grundstimmung für die Treffen verbessert zu haben.

3 Szenarien

Wir halten drei Ergebnisse für möglich:

  1. Die beiden Länder schaffen es, ihre wichtigsten Differenzen bis März 2019 (wenn der zollseitige „Waffenstillstand“ endet) aus dem Weg zu räumen, und die Handelszölle werden wieder auf ihr vorheriges Niveau gesenkt (Wahrscheinlichkeit: 10%).
  2. Die Verhandlungen kommen ins Stocken oder scheitern; der bestehende Zolltarif auf chinesische Exporte in die USA im Wert von 200 Milliarden US-Dollar wird von 10% auf 25% angehoben, und Präsident Trump droht, alle Einfuhren aus China mit einem Strafzoll von 25% zu belegen (Wahrscheinlichkeit: 20%).
  3. Die Verhandlungen werden auch nach März weitergeführt, ohne dass es eine weitere Eskalation bei den Zöllen gibt (Wahrscheinlichkeit: 70%).

Entwicklungen in China

China beschleunigt seinen Öffnungs- und Reformprozess. In den letzten Monaten haben die Behörden umfangreiche Investitionsvorhaben genehmigt, sodass mehrere multinationale Konzerne nun eigene Fabriken in China errichten oder Mehrheitsbeteiligungen (75%) an ihren chinesischen Joint-Venture-Partnern erwerben können. Die jüngsten politischen Maßnahmen deuten darauf hin, dass die Regierung den Eindruck verhindern will, sie würde ihren Zusagen, die Märkte für ausländische Investoren weiter zu öffnen, nicht oder nicht rechtzeitig nachkommen. Beispielsweise sind, trotz noch lückenhafter Gesetzgebung, die Verhandlungen über mögliche Mehrheitsbeteiligungen ausländischer Lebensversicherer an chinesischen Joint Ventures bereits aufgenommen worden.

Anscheinend hat also China verstanden, dass die ausländischen Investoren nach wiederholt unerfüllten Versprechungen nun endlich Taten sehen wollen. Mit diesen und anderen Maßnahmen reagiert die Regierung auf die US-amerikanische Kritik am chinesischen Protektionismus, was sich positiv auf die Stimmung bei den Handelsgesprächen auswirken dürfte.

Entwicklungen in den USA

Die Trump-Regierung hat durch die Handelszölle den Druck auf China stetig erhöht, wobei jedoch die wirtschaftlichen und politischen Kosten des Handelsstreits immer deutlicher zutage treten: Die Importpreise für Zwischenerzeugnisse steigen und drücken die Gewinnmargen von US-Produzenten, und die Nachfrage nach amerikanischen Produkten geht in China aufgrund der Strafzölle und infolge des nachlassenden chinesischen Wirtschaftswachstums zurück. Bezeichnenderweise hat Apple die geringere Nachfrage aus China als Grund dafür angeführt, dass die vierteljährliche Umsatzprognose nach unten korrigiert werden musste. Viele Anleger haben Anteile an Unternehmen mit starken Engagements in China systematisch verkauft.

Die Auswirkungen des Handelsstreits schlagen sich auch in den Konjunkturumfragen nieder. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für die Fertigungsindustrie fiel im Dezember um über fünf Punkte. Dies steht zwar im Einklang mit einem weiterhin anhaltenden Wirtschaftswachstum, allerdings fällt der Rückgang stärker aus als sämtliche Rückgänge, die während der Phase fallender Unternehmensgewinne 2014-2015 verzeichnet worden waren. Als Ergebnis dieser Entwicklung befindet sich der Index mittlerweile auf dem niedrigsten Stand seit über zwei Jahren. Der Teilindex für Auftragseingänge ging sogar noch stärker zurück. Die Umfrageteilnehmer gaben an, dass die Zölle die Nachfrage belasten und dass sie mit Sorge auf die längerfristige Entwicklung bei den Investitions- und Beschaffungskosten blicken.

All dies deutet darauf hin, dass die US-Regierung den Druck auf China durch die Handelszölle nicht mehr beliebig erhöhen kann, insbesondere vor dem Hintergrund des kräftigen Abschwungs der US-Aktienmärkte sowie der Anzeichen einer Konjunkturabschwächung.

Die neuerlichen Anstrengungen Chinas, den Marktzugang für ausländische Unternehmen und die Reformen zu beschleunigen, könnten zur Folge haben, dass Washington weitere Zollerhöhungen aufschiebt. Die chinesischen Praktiken beim geistigen Eigentum und bei Technologietransfers stellen allerdings nach wie vor einen Konfliktpunkt dar. Nichtsdestotrotz ist es dank der Fortschritte beim Marktzugang und bei den Maßnahmen zum Abbau des bilateralen Handelsdefizits gut möglich, dass der Zollaufschub vom Dezember bis über den März hinaus verlängert wird.

Wir rechnen zwar kurzfristig nicht mit einer weiteren Verschärfung der Situation, doch die allgemeine Unsicherheit bleibt hoch. Unerwünschte Entwicklungen sind nicht auszuschließen, da Präsident Trump seit langem der Ansicht ist, dass sich China in Bezug auf Handel, Marktzugang und geistiges Eigentum unfair verhält. Zudem unterstützen beide Parteien im Kongress eine härtere Gangart gegenüber Peking.

Der US-Handelsbeauftragte Richard Lighthizer, der die Verhandlungen auf amerikanischer Seite führt, teilt viele Ansichten Trumps zu China. Jüngsten Medienberichten zufolge hält Lighthizer an seiner harten Verhandlungsposition fest und hinderte den Präsidenten sogar daran, Zugeständnisse Pekings zu akzeptieren, bei denen es sich aus seiner Sicht um halbherzige Schritte handelte.

Mögliche Szenarien und Auswirkungen: Das Basisszenario

Unser Basisszenario sieht vor, dass die Handelsgespräche auch nach März ohne weitere Zolleskalation weitergeführt werden. Falls dies eintrifft und sich das chinesische Wachstum nach dem Tiefpunkt im vierten Quartal 2018 wieder leicht beschleunigt (wie von uns prognostiziert), während sich das Tempo der US-Zinserhöhungen verlangsamt, besteht bei den chinesischen Vermögenswerten für das Jahr 2019 durchaus Aufwärtspotenzial.

Die Sorgen um einen Handelskrieg und das Wachstumsgefälle zwischen China und den USA waren der Hauptgrund für die Schwäche der chinesischen Aktien und des Renminbi im letzten Jahr. Diese Kräfte könnten sich umkehren, falls die Gefahr eines Handelskrieges nachlässt und sich das makroökonomische Risiko in ein spezifisches Risiko im Technologiesektor wandelt

Unser Basisszenario sieht vor, dass die Handelsgespräche auch nach März ohne weitere Zolleskalation weitergeführt werden. Falls dies eintrifft und sich das chinesische Wachstum nach dem Tiefpunkt im vierten Quartal 2018 wieder leicht beschleunigt (wie von uns prognostiziert), während sich das Tempo der US-Zinserhöhungen verlangsamt, besteht bei den chinesischen Vermögenswerten für das Jahr 2019 durchaus Aufwärtspotenzial.

Die Sorgen um einen Handelskrieg und das Wachstumsgefälle zwischen China und den USA waren der Hauptgrund für die Schwäche der chinesischen Aktien und des Renminbi im letzten Jahr. Diese Kräfte könnten sich umkehren, falls die Gefahr eines Handelskrieges nachlässt und sich das makroökonomische Risiko in ein spezifisches Risiko im Technologiesektor wandelt. [1]

Auch wenn die Unsicherheit im Zuge der anstehenden Handelsgespräche groß ist, lohnt es sich, über den möglichen Wendepunkt für dieses Basisszenario nachzudenken:

Anfang März endet nicht nur die Verhandlungsfrist bei den Handelsgesprächen, sondern der Finanzdienstleister MSCI entscheidet außerdem darüber, ob der Aufnahmefaktor für chinesische A-Aktien im Schwellenländerindex von derzeit 5% auf 20% angehoben wird. Die Chancen dafür stehen gut, da die chinesische Regierung auf die Bedenken der internationalen Anleger reagiert hat, indem sie nicht nur die tägliche Handelsquote des Stock-Connect-Programms beseitigt hat, sondern auch die Anzahl der vom Handel ausgesetzten Aktien von mehreren Hundert auf wenige Dutzend reduziert hat. Zudem beabsichtigt Peking, das Stock-Connect-Programm auf andere Märkte auszuweiten, insbesondere auf London.

Sollte die Entscheidung des MSCI mit einer wirtschaftlichen Erholung Chinas zusammenfallen, könnten sowohl die chinesischen Aktien und Vermögenswerte als auch der Renminbi deutlich zulegen.

Ebenfalls gut abschneiden könnten chinesische Anleihen, die im letzten Jahr auf Renminbi-Basis um fast 8% und in US-Dollar um rund 2% angestiegen sind. China wird seine Geldpolitik voraussichtlich weiter lockern. Bloomberg und Barclays werden ab April alle chinesischen Staats- und Infrastrukturanleihen in ihren Global Aggregate Bond Index aufnehmen, und weitere Indexanbieter könnten folgen. Dies dürfte zu mehr Käufen von Onshore-Anleihen durch Staaten und Privatanleger führen.

Auch wenn die Unsicherheit im Zuge der anstehenden Handelsgespräche groß ist, lohnt es sich, über den möglichen Wendepunkt für dieses Basisszenario nachzudenken:

Anfang März endet nicht nur die Verhandlungsfrist bei den Handelsgesprächen, sondern der Finanzdienstleister MSCI entscheidet außerdem darüber, ob der Aufnahmefaktor für chinesische A-Aktien im Schwellenländerindex von derzeit 5% auf 20% angehoben wird. Die Chancen dafür stehen gut, da die chinesische Regierung auf die Bedenken der internationalen Anleger reagiert hat, indem sie nicht nur die tägliche Handelsquote des Stock-Connect-Programms beseitigt hat, sondern auch die Anzahl der vom Handel ausgesetzten Aktien von mehreren Hundert auf wenige Dutzend reduziert hat. Zudem beabsichtigt Peking, das Stock-Connect-Programm auf andere Märkte auszuweiten, insbesondere auf London.

Sollte die Entscheidung des MSCI mit einer wirtschaftlichen Erholung Chinas zusammenfallen, könnten sowohl die chinesischen Aktien und Vermögenswerte als auch der Renminbi deutlich zulegen.

Ebenfalls gut abschneiden könnten chinesische Anleihen, die im letzten Jahr auf Renminbi-Basis um fast 8% und in US-Dollar um rund 2% angestiegen sind. China wird seine Geldpolitik voraussichtlich weiter lockern. Bloomberg und Barclays werden ab April alle chinesischen Staats- und Infrastrukturanleihen in ihren Global Aggregate Bond Index aufnehmen, und weitere Indexanbieter könnten folgen. Dies dürfte zu mehr Käufen von Onshore-Anleihen durch Staaten und Privatanleger führen.

Das Worst-Case-Szenario

Ein Scheitern der Gespräche würde eine weitere Runde von Risk-off-Bewegungen auslösen. Der Renminbi würde die Schwelle von sieben US-Dollar wahrscheinlich überschreiten, und die weltweite Erschütterung des Anlegervertrauens dürfte Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern verursachen, die Liquidität belasten und riskante Vermögenswerte besonders hart treffen.

Doch eine solche Panikreaktion könnte auch überraschend positive Auswirkungen nach sich ziehen. Ein massiver Handelsschock könnte Peking dazu zwingen, seine Vorkehrungen zum Schutz des Wirtschaftswachstums noch zu verstärken, selbst wenn dies zu Lasten des Schuldenabbaus und der Reformbestrebungen ginge. Derartige Reflationierungsbemühungen dürften sich langfristig zwar nicht unbedingt strukturell positiv auf die Wirtschaft des Landes auswirken, aber der kurzfristige Liquiditätseffekt könnte die Preise von Vermögenswerten mit Bezug zu China, einschließlich Rohstoffen, stark nach oben treiben.

[1]Siehe „Chi Flash: Sino-US Trade War: Truce for Now But Risks Have Muted“, 3. Dezember 2018.


Weitere Artikel von Chi Lo, weitere Artikel von Steven Friedman.


Chi Lo

Senior Economist for China

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